1800 Holzschnitte und das ein oder andere Bild

Mittwoch, 6. Oktober 2021 | Kultur

Das Künstlergespräch (1):

Laura Laser im Interview mit dem Elsterberger Maler und Grafiker Peter Zaumseil


Es ist ein sonniger Tag im Vogtland. Ich mache mich auf, das erste Interview von vielen zu führen. Geplant ist eine Reihe über Künstler und Kunstschaffende aus unserer Region. Das Gespräch findet unter freiem Himmel bei Kaffee und Kuchen statt, mit einem guten Freund – dem bekannten Maler und Grafiker aus Elsterberg, Peter Zaumseil.

Der Weg zur Kunst

Laura Laser: Eine der am häufigsten gestellten Fragen: Wie kamst du zur Kunst, Peter?
Peter Zaumseil: Ja, das hat man mich schon öfter gefragt … Das ist ganz einfach: durch meinen Großvater, meinen Opa Walther. Der war Hobbymaler, hat sich zwischen den Weltkriegen ein bisschen Geld dazuverdient, indem er Kopien anfertigte. Auch vor Lucas Cranach hat er nicht haltgemacht. Er malte eben für die Leute kleine Bildchen – seine Staffelei habe ich heute noch. So waren die Anfänge. Als Kind war man natürlich unglaublich begeistert zu sehen, wie man so etwas malt. Von meinem Großvater habe ich auch seinen wenigen Nachlass, der etwa 20 kleine Malereien beinhaltet.
Er erzählt davon, wie sein Großvater die Bilder von einfachen Postkarten übertragen und vergrößert hat. Den „Untergang der Titanic“ etwa brachte er so auf ein Maß von etwa zwei Metern, die größte Kopie. Heute ist sie verschollen, oder zerstört. Trotz der eher „hausbackenen“ Themen habe er mit seinem Wirken bei seinem Enkel den Samen für die Kunst gelegt. Zuletzt zeigt Zaumseil mir die Pastellkreiden, die von seinem Großvater stammen und die er heute noch benutzt

Der Werdegang

L: Was hast du gelernt? Wie war dein Werdegang?
Z: Gelernt habe ich Zerspaner, also Metallbearbeitung – da gab’s zu DDR-Zeiten in Greiz eben nicht so viele Alternativen. Für die Oberschule hat’s nicht gelangt, also musste ich einen Beruf erlernen. So wurde ich Zerspanungstechniker. Nach der Lehre habe ich zwei Jahre in diesem Beruf gearbeitet. Es folgte die Armee und danach habe ich in der Papierfabrik als Zerspaner weitergemacht, indem ich Walzen geschliffen habe.
L: Also ein Beruf, der wenig mit Kunst zu tun hat.
Z: Ja wenig, eigentlich gar nichts. Die Kunst lief aber immer durch den Großvater mit nebenher. Obwohl ich auch ein sehr intensiver Sportler war – Schwimmen, Tischtennis, 15 Jahre Handball. Nach einigen Verletzungen hörte das dann auf, aber mit der Kunst ging es immer weiter.
Das habe er auch zwei sehr guten Zeichenlehrern zu verdanken, die sein Talent erkannt und ihn gefördert haben. Der eine, Jürgen Thuß, war damals Lehrer an der Goetheschule. Der andere, Lothar Meinhardt, führte als Zeichner und Ingenieur der Plasttechnik Greiz einen Zeichenzirkel. Diesen besuchte Zaumseil, stets mit einer Mappe voll neuer Arbeiten.
L: Und er hat dich dann immer beraten?
Z: Er hat mich da immer zur Schnecke gemacht! Das war ’ne Kritik – ja, Kritik ist ja das Allerwichtigste. Wenn dir jemand auf die Schulter klopft und sagt, ja, das hast du aber fein gemacht, davon lernst du nichts. Er hat also immer noch etwas gefunden, was man besser machen konnte.
L: Wie lange hast du dann insgesamt den Kurs besucht?
Z: Das ging bestimmt 5 bis 6 Jahre, in denen ich in den Zeichenzirkel Malerei/Grafik der Plasttechnik Greiz gegangen bin. Da gab es ja zu DDR-Zeiten dieses Bildnerische Volkskunstschaffen, das war immer eine schöne Sache. Einmal im Jahr gab es Ausstellungen im Sommerpalais.
Später habe er einen Kurs gemacht, um selbst Zirkelleiter werden zu können. In dieser Ausbildung in Rudolstadt, die über 2 Jahre ging, wurden die Drucktechniken, Malerei und Grafik behandelt. Aufgrund seiner dortigen Ergebnisse wurde er dann auch in die Förderklasse Malerei/Grafik in Rudolstadt aufgenommen. Da gab es dann ein- bis zweimal im Jahr auch Lehrgänge, mit der bekannten Grafikerin Elke Hopfe zum Beispiel, die eine Professur in Dresden innehatte, und mit Barbara Toch in Sachen Malerei.

Hin zu eigenen Ausstellungen

L: Wie lief das dann mit der Kunst? Hattest du auch die Chance, deine Arbeiten auszustellen?
Z: Es lief zu DDR-Zeiten alles über dieses Bildnerische Volkskunstschaffen. Und wenn man wie ich einen festen Job hatte, musste man sich zwei Bürgen besorgen, um dann ein Jahr künstlerisch arbeiten zu dürfen. Dann konnte man sich bei einer Kommission vorstellen und die haben entschieden, ob man in den Verband Bildender Künstler aufgenommen wird. Die meisten dort waren Hochschulabsolventen. Aber davon gab es in der DDR nur sehr wenige. Ein paar Autodidakten sind auch aufgenommen worden, mussten aber dann dieses Prozedere durchmachen. Aber gut, das habe ich nicht gemacht und mit der Wende hatte ich einfach …
L: … die Freiheit?
Z: Nein, ich hatte auch das Glück. Das darf man in der Kunst nicht vergessen. Zur richtigen Zeit den richtigen Mann an der richtigen Stelle kennenzulernen. Und das war ein ehemaliger Geraer, der schon lange, also noch vor dem Mauerfall, in die Bundesrepublik gegangen war.
Stefan Heiland war Papierrestaurator in Bietigheim-Bissingen (Baden-Württemberg) und hatte damals ein großes Faible für den Holzschnitt, sammelte zum Beispiel Grieshaber und Willand. Mit diesem Detlef Willand hatte Zaumseil dann in Erfurt eine gemeinsame Ausstellung.
Z: Durch Zufall sah Heiland in Erfurt dann auch den ein oder anderen Holzschnitt von mir. Und weil er schon in Erfurt war, besuchte er uns gleich in Greiz. Von dem Zeitpunkt an, muss ich sagen, ging es auch ein bisschen bergauf mit Ausstellungen – ohne einen Hochschulabschluss zu haben. Ich konnte daraufhin mehrere Ausstellungen in Bietigheim-Bissingen machen, auch zusammen mit meiner damaligen Frau Uta, und das war eine ganz verrückte, tolle Zeit.
Was ihm auch unglaublich geholfen habe und was, wie er sagt, auch heute noch Anklang findet, war der Bietigheimer Holzschnittkalender. Der sei am Anfang mit 1.500 Drucken von den Originaldruckstöcken in Deutschland und Österreich verkauft worden.
Z: Eine unglaubliche Verbreitung! Und ich kriege heute noch Anrufe, wo man mich fragt: „Ist das das Blatt von Ihnen, was ich im Bietigheimer Kalender gefunden habe?“ – und das ist wunderbar! Stefan Heiland hat da eine ganz, ganz tolle Arbeit geleistet. Durch ihn habe ich den Fuß in viele Galerien bekommen, auch im Osten. In Dresden bei art+form und in Chemnitz bei der Galerie Schmidt-Rottluff. Ja, und da lief es dann eigentlich ganz gut …

Die Technik Holzschnitt

L: Du hast gerade den Holzschnitt erwähnt. Gab es einen bestimmten Zeitpunkt, an dem du deine Holzschnitt-Technik ausgebildet hast? Und gibt es Künstler, die dich dazu inspiriert beziehungsweise deinen Stil beeinflusst haben?
Z: Es gab tatsächlich einen Künstler in Chemnitz, der mich auf den Holzschnitt gebracht hat. Der hieß Lothar Kittelmann und kam ursprünglich aus Teichwolframsdorf. Bei ihm habe ich „Blut geleckt“, was den Farbholzschnitt betrifft. Das war kurz nach der Wende und von da an begann ich Farbholzschnitte zu machen.
Inspiriert worden sei er auch stark durch die Figuration von Alberto Giacometti. Dieser ist bekannt durch seine stark, fast auf Striche reduzierten Skulpturen.
[Foto Holzschnitt/Figuren/ Skulpturen]
Z: Ich haben mit meiner Ehefrau Steffi viele Reisen unternommen, unter anderem waren wir auch viele Plastiken von Giacometti in Paris und an der Côte d’Azur anschauen. Die haben mich so beeindruckt, dass ich dann auch die Figuren reduziert habe – so wie Giacometti.
L: Dein Schaffensfeld umfasst Arbeiten verschiedenster Art, also auf Papier, Leinwand, Holz, und Ton. Gibt es ein Material, mit dem du noch nicht so viel Erfahrung gesammelt hast oder mit dem du dir gerade wieder vornimmst zu arbeiten?
Z: Das gibt’s eigentlich immer, wenn man eine Zeit lang nur an der Staffelei gestanden und gemalt hat. Da hat man auch irgendwann wieder Sehnsucht, einen Holzschnitt oder ein Künstlerbuch zu machen. Nach Jahren habe ich mich jetzt wieder dazu hinreißen lassen, Papier zu schöpfen. Damals hatte ich an den Kunstschulen sogar Unterricht dazu gegeben und die Technik zu wiederholen, hat viel Spaß gemacht.
L: Gibt es eine Arbeit oder ein Material, zu dem du immer wieder zurückkommst, von dem du sagen kannst, das macht dir am meisten Spaß?
Z: Naja, Holzschnitt ist schon die Nummer 1, würde ich sagen. Ich habe in den letzten 40 Jahren mittlerweile 1800 Holzschnitte gemacht – das ist schon nicht so wenig.
Seine Malerei sei vielleicht weniger bekannt, obwohl er auch schon – und an dieser Stelle untertreibt er schamlos – das „ein oder andere“ Bild gemalt hat. Viele Arbeiten sind zudem auf Papier entstanden.
Z: Es wechselt immer und ich habe dadurch, dass ich jetzt seit mittlerweile 5 Jahren im Ruhestand – im Unruhestand bin, eben noch mehr Zeit, vor allem mein Sommeratelier zu nutzen und überhaupt zu arbeiten. 2020 sind somit sage und schreibe 100 Malereien entstanden – und das ist schon ganz schön.
Ich kann ihm beipflichten. Die Anzahl an Werken ist ziemlich beeindruckend. Ich hatte selbst nach meinem Abitur lange Zeit, mich künstlerisch zu betätigen und weiß, wie schwer es manchmal ist, die Motivation zu finden, einfach den Stift zu nehmen, aufs Papier zu setzen und anzufangen. Das sage ich auch.
Z: Das ist richtig ja. Man kann auch nicht immer malen. Die Erfahrung habe ich im Laufe der Jahre gemacht. Holzschnitte hingegen kann man immer machen. Das ist ja ein Handwerk. Die Vorarbeit für einen Holzschnitt ist natürlich auch kreativ, aber die eigentliche Arbeit am Holzschnitt, die Umsetzung, ist handwerkliche Arbeit. Und da kann man die Gedanken auch schweifen lassen. Beim Malen muss man den Kopf immer klar haben. Manchmal küsst einen die Muse und manchmal schmeißt man das Zeug eben auch weg. Das ist ganz klar.

Der Prozess

L: Wie ist dein künstlerischer Prozess? Hast du erst eine grobe Idee, was du machen willst und arbeitest dich dann langsam vor? Oder hast du schon eine ganz klare Idee im Kopf und setzt die dann nur noch um? Gerade in Richtung Holzschnitt muss man ja vorher sehr genau wissen, was man will.
Z: Ja, das muss man schon wissen. Aber die Vorarbeit ist natürlich schon die Zeichnung, die Idee. Da gibt es bei mir eine Masse an Heftern mit Fotos. Ich werde wohl nicht so alt werden können, um das alles abzuarbeiten. Gerade was unsere Reisen betrifft, bin ich immer noch hinterher, das ein oder andere Bild zu malen, weil man es aufgrund der Fülle einfach nicht schafft.
L: Das heißt, du wirst dann auf euren Reisen von der Landschaft inspiriert, machst ein Foto und setzt das dann, so wie du es willst, zu Hause im Atelier um?
Z: So ist es. Schöner wäre es natürlich, wenn man ein Jahr dortbleiben könnte und dann, so wie es die Maler aus anderen Jahrhunderten gemacht haben, gleich vor Ort arbeitet. Aber, das ist der heutigen Zeit geschuldet, das schafft man einfach nicht.

Der Stil und das Thema

L: Dein Stil ist als „Zaumseil“ recht gut erkennbar, besonders durch die Klarheit deiner Holzschnitte. Gibt es Tage, an denen du unzufrieden bist mit deinem Stil? Gibt es nach so vielen Jahren der künstlerischen Betätigung da noch eine Weiterarbeit, eine Weiterentwicklung?
Z: Man verändert sich immer wieder. Und ich bin ja nun auch ziemlich betagt mit meinen 66 Lenzen. Arbeiten, die ich vor 20 Jahren gemacht habe, sehen eben anders aus als Arbeiten, die ich gestern gemacht habe. Das ist eine ganz klare Entwicklung. Aber ich habe mich nicht so stark verändert.
Eine Zeit lang habe er auch ganz abstrakt gearbeitet, dies dann aber wieder aufgegeben. Das musste er einfach mal probieren, meint er. Am Ende sei er bei seinen Hauptthemen geblieben: Landschaft und Figur.
Z: Ab und an unternehme ich immer wieder Ausflüge mit meinem Freund Ludwig Laser in die Keramik, da kommen dann die Skulpturen, die Figuren auf die Gefäße.
L: Sehr viele deiner Arbeiten beschäftigen sich mit der vogtländischen Landschaft.
Ich deute auf eines seiner vielen Künstlerbücher, das den Greizer Park abbildet, durchsetzt mit Lyrik von Volker Müller, einem Greizer Autor.
L: Gibt es Besonderheiten um Greiz herum, die dich zum Arbeiten anregen?
Z: Ja, also der Greizer Park ist eine dieser Besonderheiten. Aber das ist auch logisch: Ich habe 40 Jahre am Park gewohnt, da kommt man nicht drum herum.
Er erzählt von der Menge an Arbeiten, die er schon vom Greizer Park gemacht hat, noch bevor es zu dem Künstlerbuch mit Volker Müller kam. Da habe er auch noch die Zeit gehabt, vor Ort zu arbeiten. Im Anschluss an diese Tradition des sogenannten Freilichtmalens setzten auch die Pleinairs der Familie Laser an, meint Zaumseil, einmal auch im Greizer Park.
Z: So passiert es eben immer wieder, dass man spazieren geht, Fotos macht und diese dann zu Hause umsetzt. Ein Projekt das mich schon länger beschäftigt und mir sehr am Herzen liegt, ist die Weiße Elster. Während der 40 Jahre, die ich in Greiz lebte, und bis heute, wo ich in Elsterberg wohne. Nicht zuletzt ist meine Lieblingsstadt im Vogtland – und auch die meiner Frau – Bad Elster. Also war es irgendwann an der Zeit, ein Künstlerbuch dazu zu machen.
Durch Zufall habe er Texte von Christian Morgenstern gefunden, in denen der über die Elster gedichtet hat.
Z: Ich habe dann 50 Holzschnitte über den Verlauf der Weißen Elster von der Quelle bis zur Mündung angefertigt. Diese bilden, begleitet von Morgensterns Dichtung, ein sehr schönes Künstlerbuch, welches in diesem Jahr auf der ein oder anderen Buchmesse vorgestellt werden wird.
L: Vielen Dank für das Gespräch!

Von Laura Laser

–www.peterzaumseil.de

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